Schatzsucher Literatur Nugget

Beginn der Suche (3/11)

Einleitung

Das Suchgebiet ist etwas abgelegen und erfordert einen längeren Fußweg. An jedem Suchtag begann die Suche etwa um 10 Uhr und ging bis Sonnenuntergang, so dass ich im letzten Licht durch den Wald zurück in die Zivilisation gehen konnte. Nach einigen Tagen war der Weg so gut bekannt, dass ich ihn gehen konnte, wenn nur überhaupt ein Minimum an Licht vorhanden war. Es ist auch erstaunlich, an wie wenig Licht sich die Augen gewöhnen.

Morgens vor Ort wurde der Detektor aufgebaut und dann ging es los. Das Schwierigste an der Suche ist das Suchgebiet wirklich flächendeckend abzusuchen. Keinen Quadratmeter unabgedeckt zu lassen und auch keinen doppelt abzusuchen. Für einen Beobachter mag so eine Suche eher langweilig aussehen, als Sucher ist man konzentriert. Wer an andere Dinge denkt bis es piept, wird vermutlich sein Gebiet nicht gründlich absuchen. Auch gibt es Sucher, die durch die Gegend spurten, als ob es ein Wettrennen wäre. Wenn in einem sehr großen Gebiet eine große Fundkonzentration (z.B. eine Wüstung) ausgemacht werden soll, ist das sinnvoll, in diesem Fall jedoch nicht. Mir durfte nichts entgehen, und schon gar nichts Römisches. Man darf nicht annehmen, dass die guten Sachen dicht an dicht liegen, wenn man erstmal die richtige Stelle erreicht hat. Das gibt es zwar auch in seltenen Glücksfällen, aber häufiger gibt es nur einen guten Fund in einem Umkreis von 50 oder gar 100m. Wenn man an dem vorbeiläuft, kommt erst einmal sehr lange Zeit gar nichts mehr.

In den ersten Minuten eines Suchtages erfolgt das Schwenken der Spule noch willkürlich, dann wird es automatisch. So ähnlich wie beim Joggen. Das Gehirn ist dann nicht mehr mit dem Schwenken der Spule beschäftigt, sondern mit der Wegplanung für die erwähnte flächendeckende Suche und mit dem Auswerten all dessen was man sieht. Gerade im Wald können sich Bodenstrukturen, die auf historische Aktivitäten hindeuten, lange erhalten.

Nach einiger Zeit sehe ich den Detektor nicht mehr als Werkzeug an, sondern eher wie ein selbstverständlicher Teil meines Körpers. Wie ein Sinnesorgan, das es mir gestattet, in den Boden, über den ich gehe, hineinzuhören. Die Trüffelschweine laufen mit der Nase am Boden, wir Sondengänger dürfen zum Glück aufrecht bleiben.

Wenn man erstmal so richtig „in der Suche drin“ ist, so erscheint einem das Gehen mit der Sonde als die normalste Sache der Welt, wie das Atmen. So mit der Sonde zu gehen ist einfach der natürliche Zustand des Sondengängers. Pausen, An- und Abmarsch, Essen, Schlafen und andere Aktivitäten sind nur notwendige Unterbrechungen dieses natürlichen Zustandes.

Dadurch, dass er sowohl die unterirdische als auch die oberirdische Welt sieht, lernt ein Sondengänger seinen Wald sehr gut kennen, auf seine Art besser als jeder andere. Da er jeden einzelnen Quadratmeter abgehen muss, sieht er zwangsläufig sehr viel. In diesem Wald stieß ich auf ein Lager von Personen, die dem Rotwein sehr zugetan waren. Auf die Stellung eines Jägers, der dort herumgeballert hatte, als gäbe es kein Morgen. (Der Detektor klang wie ein Gameboy. Signale bei jeder Bewegung. Ich hatte schon überlegt, die Patronenhülsen als Altmetall zu verkaufen). Auf eine von den Wegen aus nicht einsehbare Ebene, die man offenbar als Campingplatz benutzt hatte. Auf einen behelfsmäßigen Unterstand, vielleicht von einem Obdachlosen errichtet. Auf ein privates Kleidungsstück, das eindeutig der weiblichen Sphäre zuzuordnen war.

Und auf dieses Weidenzelt. Esoterisch angehauchte Leute bauen so etwas gerne (nennt sich dann „Schwitzhütte“, wie bei den Indianern) um darin Nächte mit besonderer ritueller Bedeutung zu vollbringen, z.B. die kürzeste Nacht vom 21. auf den 22.6..

Weidenzelt Evtl. sog. "Schwitzhütte".

Reaktion der Passanten

Ich erhalte oft Emails von Leuten, die eigentlich ganz gerne Sondengänger werden möchten, sich aber nicht recht trauen. Die scheinen zu glauben, dass irgendetwas Schlimmes geschieht, wenn man mit der Sonde in der Öffentlichkeit sucht. Das ist ganz und gar nicht so. Ich habe nur positive Erfahrungen gemacht. Um Interessenten zu ermuntern das Hobby mal auszuprobieren, beschreibe ich hier meine Erfahrungen mit Passanten.

Normalerweise verhalte ich mich so, dass ich nur selten gesehen werde. Wenn einen die Leute sehen, dann wollen Sie oft auch etwas über das Hobby wissen. Ich gebe gerne Auskunft, aber wenn es zu häufig vorkommt, dann stört es die Konzentration. Außerdem blende ich bei der Suche gedanklich alles Moderne aus, und dazu gehören eben auch die Leute. Hier versuchte ich mir die Gegend so vorzustellen, wie sie in römischer Zeit war, und da passen Mountainbiker nun mal schlecht ins Bild.

Ich möchte aber betonen, dass ich bisher nur freundlich interessierten Menschen („Suchen Sie nach Minen?“ „Klar!“) begegnet bin. Die einzigen, die in Deutschland etwas gegen diese Tätigkeit haben, sind die Archäologen in den Denkmalschutzbehörden. Eine winzige Personengruppe von 500-1000 Personen, die selten durch die Wälder laufen und wenn doch, dann hätte das auch nichts ausgemacht. Die Suche fand abseits aller bekannten Bodendenkmäler statt und war somit auch ohne denkmalschutzrechtliche Genehmigung legal.

Einmal war ich gezwungen, an einem Sonntag (=Spaziergehtag) den ganzen Tag unmittelbar neben einem stark begangenen Wanderweg zu suchen. Der Winter kam und ich wollte das Suchgebiet noch vor dem Frost abschließen. An diesem Tag sind etwa 100 Leute an mir vorbeigelaufen, in 5 bis 20m Entfernung. Ich ignorierte sie, sofern sie mich nicht ansprachen. Sonst wäre ich an diesem Tag zu gar nichts gekommen. Einige blieben stehen und beobachteten mich genau.

Einmal näherte sich zögernd eine Gruppe Frauen. Eine Sprecherin wagte sich vor:
Hallo, wir wollten nur mal sagen, wie toll wir es finden, was Sie da machen. Ähem, also, was machen Sie da?
(Süß, oder?)

Mit Hilfe dieses Metalldetektors bin ich auf historischer Spurensuche. Ich führe hier ein privates kleines Forschungsprojekt durch und bin auf der Suche nach dem genauen Verlauf der Römerstraße.

Beim Wort „Römerstraße“ entfuhr es einer der Damen „Cool!


Kurze Zeit später fragte mich ein Familienvater doch tatsächlich, ob ich nach Trüffeln suche. Ein derart profundes Unverständnis der Wirkungsweise eines Metalldetektors kannte ich bisher nur von Frauen. Einmal rief mich eine Mitarbeiterin eines Forstamtes, mit dem ich ein Suchabkommen hatte, an und fragte „Sind Sie der mit dem Geigerzähler?“ Ich bejahte nach kurzem Zögern, denn ich wusste ja, was sie meinte. Warum sollte ich sie mit Details langweilen.

In der Abenddämmerung und bei einbrechender Nacht waren im Suchgebiet mehr Frauen als Männer im Wald unterwegs. Oft mit Hund. Einmal ein junges, joggendes Prachtexemplar mit Stirnlampe. Immer wenn ich in der Fastdunkelheit über die Baumwurzeln gen Zivilisation stolperte und mir dachte, dass ich bestimmt die einzige Menschenseele in 1 km Umkreis sei, kam prompt eine Frau mit Hund in Sicht.

Da ich eine ¾ h Fußmarsch zu erledigen hatte, verließ ich den Suchort meist mit beginnender Dämmerung. Einmal konnte ich mich nicht rechtzeitig losreißen und musste den gesamten Weg in der Dunkelheit gehen. Ein Stück des Waldwegs ging es steil nach oben. Kaum war ich japsend oben angekommen, begegnete ich zwei dunkel gekleideten Frauen. Ich grüßte und immerhin eine erwiderte den Gruß. Aus deren Warte war es wohl auch nicht besonders charmant, nachts im Wald von einem plötzlich aus dem Nichts auftauchenden, schwer atmenden Mann angesprochen zu werden. Interessanterweise gingen sie nicht Richtung Zivilisation, sondern noch tiefer in den Wald hinein. Wahrscheinlich irgendwelche Satanistinnen.

Als ich kurz vor dem Verlassen des Waldes war, sah ich in der Ferne einen hellen Punkt mit weiblicher Stimme laut juchzend einen Hang hinablaufen. Ich hörte sie in der Abendstille aus hunderten Metern Entfernung. Wo die wohl entsprungen war? Diese Bedenken erwiesen sich beim Näherkommen als völlig unbegründet. Eine Frau im hellen Pullover, die mit Hilfe dieser eindrucksvollen akustischen Darbietung ihren Hund trainierte. Wir kamen ins Gespräch, sie war geschichtlich interessiert und ich zeigte ihr ein römisches Hufeisen, das ich an diesem Tag gefunden hatte. Es ist schon bezeichnend für die seltsamen deutschen Verhältnisse, dass man weltfremden Leuten im Wald mehr Funde zeigen kann als den staatlichen archäologischen Stellen.

Sie führte mich zu einer Stelle, die ihr alt vorkam, aber wohl eher aus dem frühen 20. Jhd. stammte. Einige Tage später traf ich sie mit ihrem Gatten an der gleichen Stelle wieder und wir unterhielten uns sehr nett. Er hatte inzwischen einige Funde auf meiner englischen Website [21] gesehen und fand das Thema auch ganz interessant. Seine Frau sagte, wie gut sie es fände, dass es Leute gäbe, die sich so für die Erforschung der Geschichte einsetzten.

So, aber jetzt soll es endlich um die Funde gehen.

Bombensplitter

Das gesamte Suchareal erwies sich als mit Bombensplittern geradezu kontaminiert. Da ich auch Pfeilspitzen etc. finden will, grabe ich auch nach Eisenteilen, sofern sie größer als eine Münze sind. Nach größeren ohnehin. Andere Sondengänger graben nur nach Nichteisenobjekten, wodurch ihnen, meiner Meinung nach, so manches interessantes Objekt entgeht. 90-95% meiner Funde sind aus Eisen, darunter die tollsten überhaupt.

Das Eisen der Bomben- und Granatenhüllen war so konzipiert, das es scharfkantig riss. Selbst nach 65 Jahren im Erdboden sind die Kanten spitz genug um das Hosentaschenfutter zu ruinieren. Das sechseckige Teil links unten im Bild ist ein Rest einer britischen 4 Pfund Brandbombe, in Fachkreisen liebevoll INC 4 LB [22] genannt. Als Faustregel kann man sagen, wenn der Fund stabförmig mit einem sechseckigen Querschnitt ist, mit etwa 5 cm Durchmesser, dann ist es wahrscheinlich eine Brandbombe.

Fragmente von Brandbombe und Sprengbomben 2. Weltkrieg

Bombensplitter 2. Weltkrieg

Brandbomben

Die Bombe ist etwa 40 cm lang. In der Abbildung ist am linken Ende der Zünder und am rechten das Fallgewicht aus rot lackiertem Stahl zu sehen. Dadurch sollte die Bombe senkrecht fallen und mit dem Stahlende Dächer durchschlagen.

Britische Brandbombe und Suchspule Länge der Bombe ca. 40 cm. Elektronmantel. Links Zünder, rechts rot lackierter Stahlkörper zum Durchschlagen von Dächern.

Bombensplitter sind lästige Funde, aber Blindgänger will man ja nun gar nicht finden. Wenn es aber schon passiert, dann ist eine Brandbombe viel angenehmer als eine Sprengbombe. Jeder Sondengänger sollte zumindest etwas über diese Kampfmittel wissen.

Die allermeisten dieser millionenfach über Deutschland abgeworfenen Bomben enthielten keinen Explosivstoff, nur einen Thermitbrandsatz in einem Elektronmantel. Elektron ist eine Legierung aus Aluminium und Magnesium, die heute aufgrund der Korrosion wie Beton aussieht.

Eine wenig benutzte Variante enthielt einen kleinen, für Menschen dennoch gefährlichen Sprengsatz, den sog. Zerleger. Diese Variante erkennt man daran, dass das Fallgewicht aus Stahl keine glatte Stirnfläche hat, sondern entweder eine große Schraube oder zwei kleine Sacklöcher in einer kreisförmigen Nut zeigt. Man darf sie, wie Sprengbomben und Granatblindgänger, nicht bewegen.

Um den Fall der Bombe zu stabilisieren, d.h. den Schwerpunkt nach vorne zu verlagern, wurde hinten ein sog. Leitwerk angesetzt (im Bild links). Das ist eine sechseckige Hülle aus Aluminiumblech, die im nachfolgenden Bild platt gedrückt ist. Samt Leitwerk kann so eine Bombe etwa 70 cm lang sein und tief in den Boden eindringen. Ich fand das Leitwerkende einer senkrecht im Boden befindlichen Bombe schon in 30 cm Tiefe, das vordere (Stahl-)ende lag also ca. 1 m unter der Erdoberfläche.

Britische Brandbombe mit Leitwerk Das Leitwerk (links) deckt den Zünder ab.

Nun ist es hin und wieder auch mal vorgekommen, dass so eine Bombe tatsächlich gezündet hat. Sie brannte dann über mehrere Minuten Funken sprühend ab. Wenn das im Boden geschah und man als Sondengänger auf die Überreste stößt, dann fragt man sich zunächst, was man da wohl gefunden hat. Das nächste Bild zeigt oben ein typisches Überbleibsel, ein Eisenrohr mit einem verschmurgelten Überbleibsel aus Kupferlegierung.

Verbranntes Brandbombenteil und Leuchtspurpatrone 2. Weltkrieg

Die Überreste sind grün korrodiert und auch das umgebende Erdreich ist grün eingefärbt. Einem Sondengänger schlägt das Herz höher, wenn er sich durch grün verfärbtes Erdreich zu einem Metallobjekt vorgräbt, hofft er doch, etwas aus der Bronzezeit („grünes Glück“) zu finden. Als ich das obige Teil ausgrub, vermutete ich zunächst voller Begeisterung auf einen bronzezeitlichen Brandopferplatz gestoßen zu sein. Die Ernüchterung folgte schnell, als klar wurde, dass der Fund größtenteils ein Eisenrohr ist. So etwas hatten die Bronzejungs und -mädels nicht.

(Anmerkung: Der Grundeigentümer wurde über die Bomben informiert. Ich habe ihm meine Hilfe bei der kostengünstigen Beseitigung – natürlich über den Kampfmittelräumdienst –angeboten. Es wurden keine Kampfmittel an der Oberfläche befördert und dort belassen.)

Ebenfalls abgebildet ist eine Patrone für den Karabiner 98 (K98k), dem Standardgewehr des deutschen Soldaten im 2. Weltkrieg. Der schwarze Geschosskopf markiert ein Leuchtspurgeschoss.

Deutsche militärische Funde gab es in dem Gebiet kaum. Im feuchten Boden eines Wasserlochs fand aber noch einen Zelthaken aus Aluminium, Baujahr 1940, sowie, an anderer Stelle, einen K98k Ladestreifen mit 5 Patronen.

Munitionsstreifen Karabiner 98 2. Weltkrieg

Zelthering Wehrmacht und Patrone Hering lt. Stempelung Produktionsjahr 1940, Aluminium. Leuchtspurpatrone K98k.

Der einzige US Fund war dieses abgefeuerte cal. 50 (12.7 mm) Projektil aus dem schweren Browning MG (BMG 50). Es muss gegen eine harte Oberfläche geprallt sein. Deutlich erkennbar sind Crimprille und die Zugrillen. Geschosse dieser Monsterflinte hatten etwa die dreifache Energie eines K98k Projektils und etwa die 60fache Energie einer Pistolenkugel. Wo eine BMG 50 Garbe einschlug, da flogen die Fetzen.

Deformiertes US cal. 50 Projektil Schweres MG und Bordwaffe, 2.Weltkrieg, Kaliber 12.7 mm.

Gewehr

Inmitten eines alten Hohlweges fand ich den 90 cm langen Lauf eines Vorderladers aus dem 18. oder 19. Jhd.. Die Wandstärke des Laufs ist sehr gering, er war an einigen Stellen schon durchgerostet. Eine Waffe mit geringer Energie, vielleicht für die Vogeljagd. [9]. Mögliche Überreste des Kolbens wurden ebenfalls gefunden. Eine genauere Datierung wird vielleicht möglich sein, sobald die Art der Zündung (Steinschloss oder Piston) feststeht.

Autor mit Gewehrlauf 18. oder 19. Jhd.

Fundort Gewehr in Hohlweg

Fundsituation Gewehr Gelb: Fundlage Gewehrlauf. Rot: Fundlage Ast

Beschreibung

Der schwarze Boden war frei von Wurzeln oder Steinen. Sehr schön um zu graben, und auch zum Vergraben. Ich habe den Verdacht, dass der Lauf absichtlich vergraben wurde. Das Bild zeigt die Auffindungssituation.

An der Stelle der gelben Linie lag der Lauf, der im Bild etwas darüber und unter dem Zollstock liegt. Mit dem Lauf genau abschließend lag ein langer Ast, der unterhalb der roten Linie zu erahnen ist.

Meine Vermutung ist, dass der Verberger den Ast zusammen mit dem Lauf vergrub, um ihn hinterher besser wieder finden zu können. Ohne Metalldetektor ist das ein Riesenproblem, das gerne unterschätzt wird. Lauf und Ast lagen etwa 20 cm unter der heutigen Oberfläche.




(C) Thorsten Straub, www.sondengaenger-deutschland.de