Schatzsucher Literatur Nugget

Forschungsziel und Suchgebiet (2/11)

Jede Suche nach Spuren der Vergangenheit beginnt mit theoretischer Vorbereitung, der Recherche. Letztendlich kann man nur im Feld etwas finden, aber eine gute Vorbereitung erhöht die Fundwahrscheinlichkeit hundertfach. Und sie hilft einem, die Bedeutung seiner Funde zu erkennen und sie in einen Kontext zu setzen.

Meine Suchen finden immer im Rahmen irgendeines „Forschungsprojektes“ statt. Der Begriff ist für vieles, was ich mache, zwar zu großspurig, aber immer geht es darum, die Vorstellung der Geschichte eines Ortes zu überprüfen, die sich im Rahmen der Recherche ergeben hat. Das muss nicht immer sehr aufwendig sein. Wenn nichts gefunden wird kann schon nach einigen Tagen wieder Schluss sein, und es gibt auch nichts zu dokumentieren oder zu publizieren. Aber jede Suche überprüft etwas. War hier wirklich mal eine Schlacht? Eine Burg? Eine Siedlung? Stand in diesem harmlosen kleinen Wald mal ein Galgen? Ein Brunnen? Hat hier irgendwann mal jemand irgendwas gemacht, was wenigstens ein bisschen interessant war? Hat ein inzwischen längst verloschener Mensch hier metallische Spuren hinterlassen?

Der Sondengänger genießt das Privileg, neben der sichtbaren Welt auch die unsichtbare Parallelwelt unter unseren Füßen zu erkennen. Das Sichtbare sehen alle, aber diese Parallelwelt sieht nur er. Wie häufig sah ich in dem Waldgebiet, dessen Untersuchung nachfolgend beschreiben wird, Spaziergänger, Jogger oder Mountainbiker. Die laufen dort völlig ahnungslos herum. Sie wissen nicht, dass sie eben gerade mal 20m an den Überresten einer Brandbombe aus dem 2. Weltkrieg vorbeigelaufen sind. Dass 50 m weiter ein Bombenkrater im Gebüsch liegt. Dass sie mit ihrem Fahrrad auf einem bisher unbekannten Abschnitt einer Römerstraße fahren, auf dem man am Vortag – mitten auf dem Weg - ein römisches Hufeisen geborgen hat. Alles dies, und mehr, erfährt der Sondengänger. Und das finde ich einfach toll.

Ziel

In diesem Projekt ging es um das Aufspüren einer römischen Straße. Genauer gesagt um das Feststellen der genauen Trassenführung für ein etwa 1 km langes Teilstück einer Römerstraße, deren weiterer Verlauf seit Jahrzehnten bekannt und publiziert ist.
Man kann sich das zu untersuchende Gebiet etwa als Quadrat mit einer Seitenlänge von 1 km vorstellen. Von Außen führt die Römerstraße an zwei gegenüberliegende Ecken des Quadrates heran, das ist bekannt. Aber wie die Straße im Inneren des Quadrates verlief ist weitgehend unklar. Dies gilt es festzustellen.

Zu der Frage des Trassenverlaufs gibt es in der Fachliteratur der letzten Jahrzehnte verschiedene Vermutungen geäußert. Diese basierten samt und sonders auf theoretischen Überlegungen. Tatsächlich nach römischen Gegenständen hat von den Autoren niemand gesucht. In solchen Situationen ist die Prospektion mit der Metallsonde das Mittel der Wahl um endlich Klarheit zu erreichen. Zum mutmaßlichen Ort der Varusschlacht gab es über 500 Theorien, bis der Sondengänger Tony Clunn die Frage durch Suche vor Ort klärte. Hier wollte ich sie klären.



Archäologische Einführung Römerstraßen

Zunächst mal ein paar Worte zu Römerstraßen und ihrer archäologischen Bedeutung. In Deutschland sind viele 1000 km ehemaliger Römerstraßen bekannt. Insofern ist das nichts besonders Seltenes. Das Fundaufkommen auf den Straßen ist meist recht bescheiden. Auch die Römer dachten nicht daran, auf ihren Wägen mit Münzen um sich zu werfen wie die Narren beim Rosenmontagszug mit den Bonbons. Dennoch waren die Straßen ein Hauptbestandteil römischer Infrastruktur. Sie waren das, was jeder Sondengänger sucht, nämlich Zentren menschlicher Aktivität und somit potentielle Verlustplätze. Wenn an den Straßen selber auch nichts bis wenig zu finden ist, kann man über sie doch fundträchtige Areale aufspüren. Und sie geben nette Ziele für die private Forschung ab.

Neben der Ermittlung von Trassen kann das z.B. der Versuch sein verloren Straßenstationen (Herbergen) zu entdecken [19].

In Wäldern haben sich die römischen Trassen manchmal recht gut erhalten. Sie sind ggf. an zwei Merkmalen zu erkennen.

Erstens am Straßendamm, der sich einige 10 cm über die Umgebung erhebt und sich meist kerzengerade viele km durch die Gegend zieht. Die Römerstraßen hatten einen richtigen Unterbau zu Drainagezwecken. Heute ist das selbstverständlich, aber bis in das 19. Jhd. hinein blieben diese Straßen die besten, die es gab. Und viele wurden auch noch lange nach Ende des römischen Bereiches benutzt, bis in die Neuzeit hinein. [20]
Auch wo sich der Straßendamm nicht erhalten hat, deuten Orts-, Flur- oder Staßennamen wie „Hochstrass“ oder „An der Hochstrass“ auf ihre ehemalige Existenz hin. Vermutlich hat auch die englische Bezeichnung „Highway“ hier ihre Wurzeln.

Zweitens die Materialentnahmegruben. Damit sind Gruben gemeint, die wie Bombentrichter aussehen und sich an der Straße entlang reihen wie Perlen auf der Kette. Sie können sich auch noch dort erhalten haben, wo der Straßendamm nicht mehr existiert. Auf Äckern, wo der Damm eingeebnet und die Gruben verfüllt wurden, können sie im Luftbild ggf. sichtbar werden. Um Bombenkrater sicher von Materialentnahmegruben unterscheiden zu können sucht man nach Bombensplittern.

Während der Belag von hochrangigen italienischen Straßen wie der Via Appia aus Steinbrüchen gewonnen wurde, bestanden die Straßen in der Provinz Raetien, dem heutigen Bayern westlich des Inns, aus dem, was vor Ort billig vorhanden war, und das war der Kies bzw. Schotter, der unmittelbar neben der Trasse ausgegraben werden konnte. Nicht umsonst sprechen die Geologen von der „Münchener Schotterebene“.

Die Römer waren bekannt dafür, dass sie ihre Straßen kerzengerade durch die Gegend bolzten und auch größere Steigungen nicht scheuten. (Moderne Straßen haben i.d.R. sehr viel kleinere Steigerungen, obwohl viel mehr Antriebsenergie zur Verfügung steht. Die Leute wurden immer bequemer.) Das vereinfacht natürlich die Lokalisierung neuer Trassen. Man sieht sich auf der Karte an, wo bisher Trassen bekannt sind und zieht diese dann mit dem Lineal weiter. Schon hat man eine plausible Vermutung über den weiteren Verlauf.

Allerdings wichen auch die Römischen Straßenbauingenieure dann von der Gerade ab, wenn die Vernunft es erforderte, z.B. wenn sie mitten in ein Feuchtgebiet geführt hätte, oder aufgrund anderer naturräumlicher Gegebenheiten. Genau das ist die Situation im hier untersuchten Gebiet. Das Gelände dort gestattet keine langen geraden Strecken. Es gibt weder Straßendämme, noch Materialgruben, noch bekannte Bodendenkmäler, wenn man von einer römischen Struktur knapp außerhalb des untersuchten Gebietes absieht. Man kann sich nur grob überlegen, wo die Trasse etwa verlief um einerseits dem Ideal der Gerade nahe zu kommen und andererseits trotzdem praktikabel zu sein. Und dann muss man das fragliche Gebiet systematisch absuchen, Tag für Tag und Woche für Woche. Und wenn es sein musste noch länger. Das war mein Plan.





Umgebungsfunde

Ich hatte in den letzten Jahren mehrfach außerhalb des quadratischen Suchgebiets gesucht. Das Bild zeigt einige der dort gemachten Funde. Es gab dort sicher eine gewisse historische Aktivität, aber besonders hoch war die Funddichte nicht. Die üblichen Verlustfunde.

Verschiedene Mittelalterfunde Dornsporn ca. 10.-12. Jhd.. Links Schnallenteile der Beriemung des Sporns. Unten Messer. Das dunkle Teil ist ein Lanzenschuh. AA Batterie als Größenmaßstab.

Der Dornsporn stammt etwa aus dem 10. Jhd.. Die beiden Eisenteile am linken Bildrand unter und über dem Dorn verschlossen einst den Lederriemen. Nach so etwas sollte man immer suchen, wenn man einen Sporn findet (so wie nach einem Feuerstein, wenn man einen Feuerstahl findet.) Der Riemen selbst ist vergangen.

Das dunkle Teil unter der Batterie ist ein Lanzenschuh. Am einen Ende des Lanzenschaftes war die Spitze, am anderen der Lanzenschuh. Er ist dunkler, weil er ohne weitere Reinigung in Paraffin getränkt wurde. Unten rechts ein Messer. Moderne Messer sind häufige Schrottfunde im Wald, aber alte Stücke sind schöne Funde.

Das war die Ausgangslage als die Suche nach der verlorenen Römerstraße begann. Lassen Sie uns also Spaten und Detektor in den Rucksack packen und uns in das Suchgebiet begeben.






(C) Thorsten Straub, www.sondengaenger-deutschland.de