Schatzsucher Literatur Nugget

Wenn ein Sondengänger einen seltenen, tollen Fund macht, so hat er nicht nur den Besitz des Fundstücks erlangt, sondern auch Informationen. Insbesondere kennt nur er, von anwesenden Suchpartner abgesehen, zu diesem Zeitpunkt den genauen Fundort und die genauen Fundumstände. Dieses Wissen ist ein wertvolles Faustpfand, auch für Sondengänger in Schatzregalländern. Dort ist es meines Erachtens sogar die einzige legale Trumpfkarte. Dieser Sachverhalt könnte in Verhandlungen des Sondengängers mit dem LDA berücksichtigt werden. Wie das genau aussehen könnte, muss jeder Sondengänger selber mit seinem LDA klären.

Hier folgt zur Auflockerung des eher drögen Themas die Schilderung der fiktiven Geschichte eines meldenden Sondengängers irgendwo in einem Bundesland mit Schatzregal. Aber auch in Bundesländern ohne Schatzregal ist Wissen etwas wert.




Neulich, im LDA...


S: Sondengänger
B: Beamter

S: (Betritt das Beamtenzimmer nach Anklopfen)
"Guten Tag, ich habe gestern eine Art zweite Himmelscheibe gefunden und möchte sie melden. Sie trägt viele Sterne."

B: (Schält eine Karotte für das 2. Frühstück. Blickt nicht auf.)
"Gut, dann legen Sie mal los. Sie kennen ja die Meldeprozedur."

S: (Kniet nieder, verneigt sich bis seine Stirn den Boden berührt und hebt dabei den Fund, so hoch es eben geht, dem Beamten entgegen. Dieser schält weiterhin seine Karotte.)
"Ich habe ohne Genehmigung gesucht und etwas gefunden. Ich bin böse und schwach und des Fundes nicht würdig. Nehmt ihn, denn Ihr seid das Licht und die Herrlichkeit und die Hüter der Geschichte. Auch wenn ihr selber noch nie so etwas gefunden habt und das wohl auch nie werdet."

B: (missbilligender Gesichtsausdruck)
"Der letzte Satz gehört nicht zur offiziellen Formel. Nochmal ohne ihn."

S: (wiederholt ohne den letzten Satz. Durch die denkbar unbequeme Posiition zittern mittlerweile seine Arme.)

B: (hat Karotte verspeist. sachlicher Tonfall.)
"Gut, dann erheben Sie sich und legen Sie den Fund in den Eingangskorb."

S: (tut wie geheißen)
"Ja, Herr Beamter".

B: (jovial)
"Setzen Sie sich. Wie sind ja keine Unmenschen. Obwohl es natürlich falsch war ohne Genehmigung zu suchen und erst recht Befunde zu stören."

S: (Senkt den Blick und setzt sich. )
"Danke, Herr Beamter".

B: (Hat am PC Platz genommen und des Programm FUNABSO (Funddatenbank Abgezockter Sondengänger) gestartet. Es ersetzte den wegen seines melodischen Namens beliebten Vorgänger DEHRLIDUM (Der Ehrliche ist der Dumme) und verfügt mittlerweile über einen beachtlichen Datenbestand.

"Ihre Personalien? Beschreibung des Fundes? Funddatum?"

S: (Macht die gewünschten Angaben)

B: "Fundort?"

S: (Nennt das Bundesland, in dem die Szene spielt)

B: (Nachsichtiger Tonfall)
"Das dachte ich mir schon fast. Aber wo genau?"

S: "Das sage ich nicht."

B: (Glaubt an einen Witz, lacht)
"Ja, klar, aber nun mal im Ernst?"

S: (Hat sich mittlerweile auf seinem Stuhl aufgerichtet. Schaut dem Beamten nun genau in die Augen. Spricht freundlich, aber etwas leiser als normal und wirkt sehr entschlossen. )
"Wie gesagt, das werde ich nicht sagen."

B: (Ist etwas verunsichert. Die neuronale Aktivität seiner Großhirnrinde steigt sprunghaft an. Sein untrüglicher Beamteninstinkt sagt ihm, dass die Dinge hier nicht nur anders als sonst, sondern fundamental aus dem Ruder laufen. Dass er die Kontrolle über das Gespräch verliert, wenn es so weiter geht. Aber auch, dass er diese Ahnungen unter der Maske des Routiniers verbergen muss. Sein Gegenüber darf davon nichts merken. Der Beamte spricht seriös und sicher. Er sieht die Lösung im Hort aller Lösungen der Probleme seiner Welt, bei der großen Mutter: Im Gesetz. Gesetz und Zwang.)

"Zu einer Fundmeldung sind sie gesetzlich verpflichtet. Dazu gehört die Angabe des genauen Fundortes, sonst ist sie unvollständig."

S: "Den Fund habe ich abgeliefert, von Fundunterschlagung kann also keine Rede sein. Den Fundort habe ich, wenn auch nur grob, mit dem Bundesland genannt. Wenn Sie darin eine Ordnungswidrigkeit erblicken, dann bitte ich um Zustellung des Bußgeldbescheides. Es geht hier nicht um das, zu was ich Ihrer Meinung nach verpflichtet bin, sondern darum, was ich tatsächlich tue."

B: (Schweigt einen Moment. Sieht seine übelsten Befürchtungen bestätigt. Weiß nicht mehr genau, was er tun soll. In den Vorschriften wird so eine Situation nicht erwähnt, aber das alleine ist nicht schlimm, das passiert häufiger im Amtsalltag. Gravierender ist, dass er so etwas noch nie erlebt hat. Und auch keiner seiner Kollegen hat je auch nur von einem ähnlichen Vorfall erzählt.

Was bezweckt der Sondengänger? Sitzt er dem personifizierten Bösen gegenüber? Seine Enkel werden staunen, wenn er von diesem Gespräch erzählt.

Formaljuristisch hat der Sondengänger recht, ein Straftatbestand liegt nicht vor. Liegt eine Ordnungswidrigkeit vor? Grenzfall. Wegen komplett unterlassener Fundmeldung kann man leicht ein Bußgeldverfahren einleiten; eine unvollständige ist schon ein etwas schwierigerer Fall. Nirgends ist festgelegt, wie präzise die Ortsangabe zu sein hat. Aber auch hier hat das Amt Auslegungsspielraum. Ein Bußgeldbescheid wäre vielleicht trotzdem möglich, aber den würde der Sondengänger ja akzeptieren. Vor allem jedoch versteht der Beamte nicht, was das Ganze soll.)

"Was soll das?"

S: (Nimmt befriedigt zur Kenntnis, dass zum ersten Mal eine Frage gestellt wurde, die zumindest am Rande die gesamte Vorgehensweise betrifft. So langsam wird aus dem Diktat eine Verhandlung. Er möchte nicht unsympathischer als unbedingt notwendig erscheinen und sagt:)

"Ich musste jahrelang nach dem Ding suchen. So ein Fund ist extrem selten, extrem schwierig zu machen. Die Archäologie des Bundeslandes und zahlreiche darin beschäftigte Menschen werden von dieser Fundmeldung sehr profitieren, obwohl sie nichts zum Fund beigetragen haben. Auch ich, als derjenige mit der ganzen Arbeit, möchte IRGENDWAS davon haben. "

B: (Das leuchtet dem Beamten halbwegs ein. Dennoch: so etwas ist nicht vorgesehen. )

S: (fügt hinzu)
"Wenn mir das Amt entgegenkommt, werde ich genaue Fundortangaben machen. Sonst nehme ich sie sprichwörtlich mit ins Grab. Kein anderer kennt ihn. Aufzeichnungen existieren nicht."

B: (Mag die Erpressungskomponente der Situation ganz und gar nicht. Erwägt die Mit-Terroristen-wird-nicht-verhandelt-Position einzunehmen, das kommt ihm dann aber doch übertrieben vor. Menschlich ist die Position des Sondengängers ja verständlich. Natürlich ist weiter die Form zu wahren. Der Beamte verweist nochmal streng auf das drohende Bußgeldverfahren. Damit ist das Gespräch vorerst beendet.)



Zeitsprung. Seit dem oben geschilderten Gespräch ist einige Zeit vergangen. Die obersten Archäologen des Bundeslandes haben den übergebenen Fund geprüft, seine Echtheit bestätigt und seine extreme archäologische Bedeutung erkannt. [1]. Sie sind hell begeistert, dass sie nun endlich auch so einen Fund haben wie die in Sachsen-Anhalt mit ihrer blöden Himmelscheibe. Es winken mediale Aufmerksamkeit, fachlicher Ruhm, Karriere, Budget, lang entbehrte Forschungsgrabungen, neue Museen, vielleicht sogar euphorische Archäologiestudentinnen. Auch einen Namen gibt es schon: "Sternenscheibe". Leider kann von man mangels Ortsinformation nicht "Sternenscheibe von <Fundkaff>" sagen.

ABER, es gibt einen Wermutstropfen, besser gesagt einen ganzen Wermutseimer, der wie ein Schatten über allem liegt: den unbekannten Fundort innerhalb des Bundeslandes.

Für die Archäologen ist das höchst unangenehm. Jahrzehntelang haben sie gepredigt, dass ein Relikt ohne bekannte Fundumstände nur ein Kuriosum ohne wissenschaftlichen Wert sei. Und nun so etwas. Die Vorstellung, in jeder öffentlichen Äußerung, jedem Interview, jeder Publikation der nächsten Jahre sagen zu müssen, dass man den Fundort abgesehen vom Bundesland nicht kennt, ist sehr unerfreulich.

Der oberste Archäologe schläft schlecht in diesen Tagen. Es ist immer der gleiche Traum:

Internationale Pressekonferenz im größten Saal des Bundeslandes. Noch nie hat ein Artefakt so ein Medieninteresse hervorgerufen. CNN berichtet über Satellit. 1 Milliarde Menschen vor den Bildschirmen. Im Raum gibt es mehr Übersetzer als bei üblichen archäologischen Präsentationen Zuhörer. Höchste Sicherheitsstufe. Metalldetektoren, Panzerspähwagen, Scharfschützen auf den Dächern.

Der Oberarchäologe steht im Bühnenbereich hinter dem Vorhang, die Sternenscheibe in seinen weiß behandschuhten Händen. Seine Begleitung, je 2 Männer vor und hinter ihm, tragen Kampfstiefel und Pumpguns, was ihm dann doch lächerlich übertrieben und unangenehm martialisch erscheint. Die Landesregierung hatte aber darauf bestanden. Backstagemitarbeiter mit Plastikausweis um den Hals treten näher und machen private Erinnerungsfotos, ehe sie sich rasch wieder entfernen um ihren Gefühlsaufwallungen Herr zu werden.

Als Vorprogramm hat die bekannteste Band des Landes ihren aktuellen Hit gespielt, nun macht eine prominente Fernsehansagerin die Anmoderation. Sie endet mit "Meine Damen und Herren, nun ist es soweit, wir präsentieren....DIE STERNENSCHEIBE !!!!"

Im Saal wird es absolut still. Der Oberarchäologe, noch hinter dem Vorhang, an öffentliche Auftritte in dieser Größenordnung absolut nicht gewöhnt, kann kaum glauben, dass so viele Menschen so still sein können. Das Licht im Saal wird gedimmt, ein kleiner Spot beleuchtet die Stelle wo er und seine kleine Eskorte gleich die Bühne betreten werden.

Die Eventregie gibt über Funk das GO. Die Männer setzen sich in Bewegung und betritt die Bühne. Der Archäologe ist auf Blitzlicht vorbereitet, aber was nun kommt übertrifft alle Vorstellungen. Blitzlichtgewitter trifft es nicht. In einem Gewitter sind Blitze einzelne Ereignisse, was nun kommt ist eine Art Dauerblitz, der aus dem gesamten Zuschauerraum zu kommen scheint und lediglich etwas fluktuiert. So stellt er sich einen Drogenrausch vor. Er kann nun gar nichts mehr sehen und folgt einfach dem Wachmann vor ihm.

Die Gruppe erreicht die Mitte der Bühne, alle Flakscheinwerfer der Welt hören auf ihm in die Augen zu leuchten und so langsam kann er die Gesichter in den ersten Reihen erkennen. In den Augen liest er Aufregung, Begeisterung und die Gewissheit, dass nun deutsche Archäologiegeschichte geschrieben wird.

Er erkennt im Publikum einen Berufskollegen, mit dem er studiert hatte, und der besser und schneller Karriere gemacht hatte als er selbst. Bis heute. Denn nun steht ER hier oben. Und die Welt hält den Atem an und lauscht, was ER zu sagen hat. ER, nicht der Wurm da unten.

Die Pressekonferenz beginnt. Er zeigt die Sternenscheibe, gibt eine kurze Einführung und beantwortet die Fragen der Journalisten. In seinem Fachgebiet ist er zu Hause und agiert souverän, nachdem die Anfangsnervosität verflogen ist. Schnell ist eine Stunde vorbei, die erste Aufregung des Publikums hat sich längst gelegt. Es war nicht mehr so leise, statt dessen herrschte eine heitere und etwas unaufmerksame Stimmung. Man bereitete sich innerlich auf das Ende der Veranstaltung vor.

Dann fragt ihn jemand "Herr Professor, wo genau wurde die Sternenscheibe gefunden?" Er antwortet "Nun, der genaue Fundort ist unbekannt, aber wir wissen, dass sie in unserem Bundesland gefunden wurde."

Die Antwort wurde in der allgemeinen Aufbruchsstimmung zunächst von der Masse gar nicht richtig wahrgenommen. Jemand fragt "Verzeihung Herr Professor, würden Sie das bitte wiederholen? Hier hörte es sich so an, dass der genaue Fundort unbekannt sei."

Er bestätigt dies.

Da verändert sich die Stimmung im Raum. Zunächst nur langsam. Die Privatgespräche verstummen zögernd. Er sieht, wie die Augen der Zuhörer verwirrt zwischen ihm und der Sternenscheibe in seinen Händen hin- und herwechseltn. Er sieht die Kommentatoren in ihren Glaskabinen eifrig reden, offenbar ihren Zuhörern erklärend, welche immense Bedeutung die Kenntnis des genauen Fundortes hat.

Gesprächsfetzen aus dem Zuschauerbereich dringen an sein Ohr "Hat er gerade gesagt, dass der genaue Fundort unbekannt ist? Nein, das hast du falsch verstanden!" Noch immer wollen es die Menschen nicht glauben.

Eine Fachjournalistin willl die Lage retten und sagt, dass der Fundort doch sicher zumindest grob bekannt sei und lediglich noch genauer eingegrenzt werden müsse, was sicher in den nächsten Wochen geschähe? Doch er kann nur ganz klar sagen, dass man keinerlei Anhaltspunkte für den Fundort innerhalb des Bundeslandes habe. Keine Stadt, keinen Landkreis, nichts.

Da ist es vorbei. Erste Leute verließen den Saal, er hört zorniges Gemurmel wie "damit kommt er jetzt raus, nach einer Stunde", "hätte man sich sparen können", "außer Spesen nichts gewesen", "der hat wohl noch nichts von Fundzusammenhang gehört". Sein erfolgreicher Studienkollege steht da - und grinst. Die Fernsehteams beginnen abzubauen.

Er versucht noch zu erklären, dass der Fund auch so sehr bedeutsam sei, aber die meisten hören ihm schon nicht mehr zu. Er redet wie um sein Leben, aber es nützt nichts. Bei einer unbedachten Bewegung stolpert er zu allem Überfluss über ein Mikrofonkabel und schlägt der Länge nach hin. Die Sternenscheibe entgleitet seinen Händen, die Moderatorin beugt sich helfend über ihn. Ihm ist, als würde sein hämmerndes Herz zerspringen und er versucht ihren Arm zu ergreifen, kann sich aber nicht bewegen.

Dann stellte er verwundert fest, dass die Moderatorin wie seine Ehefrau aussah.. und er im schweißnassen Pyjama neben seinem Bett lag. Alles nur ein Traum.

Nachdem er dies oder Ähnliches mehrfach geträumt hatte, reichte es ihm.

Am nächsten Morgen telefonierte er mit den anderen wichtigen Archäologen des Bundeslandes und sie vereinbarten, dass man mit diesem Sondengänger zu einer Lösung kommen müsse. Man brauchte den Fundort.

Wenn es nach ihnen gegangen wäre, so würde der Sondengänger in Beugehaft kommen, bis er mit letzter Kraft den Fundort preisgibt oder seine angeketteten Knochen in der Sonne bleichen. Aufgrund irgendeiner Sentimentalität verweigert die Justiz das jedoch. Da er den Fund gemeldet hatte, konnte man ihm noch nicht einmal mit der Möglichkeit einer kleinen Haftstrafe drohen, was sonst Sondengänger in Kanarienvögel verwandelt. Und so machen sie dem Sondengänger ein Angebot. Dieser akzeptiert, nennt den Fundort, und lächelt.

Und so kam es, dass, zum ersten Mal in der deutschen Rechtsgeschichte, in einem Schatzregalland der Finder eines bedeutsamen Fundes sich am Ende nicht als der Dumme fühlt, obwohl er den Behörden seinen Fund gemeldet hatte.



Anmerkungen

[1] Es gibt einen einzigen Gelehrten, der entgegen allen Wahrscheinlichkeiten von Fälschung spricht. So einen gab es auch bei der ersten Himmelscheibe. Ein hochriskanter Schachzug im Professorenspiel. Geht es schief, steht man als Spinner da.

Tatsächlich gibt es eine mikroskopisch kleine Wahrscheinlichkeit, dass so einen Fund extrem kostenaufwändig gefälscht werden kann. Ob es tatsächlich machbar ist, hat noch niemand ausprobiert. Vielleicht probiert es mal ein Milliardärssöhnchen als Studentenulk.

(C) Thorsten Straub, www.sondengaenger-deutschland.de